Roller Variomatik abstimmen - Wie man die Vario richtig abstimmt und warum das Gerücht "leichte Gewichte gleich besserer Anzug und schwere Gewichte gleich bessere Endgeschwindigkeit" einfach nicht stimmt!


In vielen Foren und auf Websites wird oft die Frage zur richtigen Abstimmung der Variomatik im Roller gestellt. Seltsamerweise existiert speziell zu dieser Frage ein hartnäckiger Irrglaube im Web. Es wird nämlich sehr häufig behauptet, dass die Wahl der Rollen immer nur ein Kompromiss zwischen gutem Anzug und hoher Endgeschwindigkeit wäre. Leichtere Rollen würden den Anzug verbessern - aber auf Kosten der Endgeschwindigkeit gehen. Umgekehrt würden schwerere Rollen die Endgeschwindigkeit erhöhen - aber den Anzug verschlechtern. Im Umkehrschluss würden diese Annahmen bedeuten, dass es die genau richtigen Rollengewichte für ein bestimmtes Motor-Setup gar nicht gibt. Die Wahl der Rollengewichte würde also nur von den Vorlieben (Anzug vs. Endgeschwindigkeit) des Roller-Fahrers abhängen.

Ist an diesen Behauptungen tatsächlich etwas dran?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir uns als erstes das Thema Leistungsband (Leistungscharakteristik) eines Motors genauer ansehen. Jeder 2-Takt Motor produziert seine maximale Leistung nur in einem ganz speziellen Drehzahlbereich. Je weiter die aktuelle Drehzahl von diesem Leistungsbereich entfernt ist, umso weniger Leistung wird in diesem Moment produziert. Wenn du deinen Motor tunst, wird mehr Leistung erzeugt und normalerweise auch der Leistungsdrehzahlbereich in Richtung höhere Drehzahlen verschoben. Das heisst, die Spitzenleistung wird dann erst bei höheren Drehzahlen als vorher abgegeben. Gleichzeitig ist es beim Tunen auch häufig so, dass die maximale Leistung in einem engeren Drehzahlbereich entsteht. Die Leistung fällt außerhalb dieses Drehzahlbereiches auch wesentlich stärker ab. Man spricht dann auch von einem engen oder auch schmalen Leistungsband.

2-Takt Motocross-Bikes sind gute Beispiele für Motoren mit schmalen Leistungsbändern. Diese Maschinen haben ein Schaltgetriebe mit mindestens sechs, sehr genau abgestimmten Gängen. Der Cross-Biker muss die Gänge optimal schalten um die Drehzahl ständig im maximalen Leistungsdrehzahlbereich zu halten. Fällt die Drehzahl aus diesem Leistungsbereich heraus, weil man evtl. zu früh oder spät geschaltet hat, wird so gut wie keine Power mehr produziert und die Maschine verliert sofort deutlich an Geschwindigkeit. Beim Roller übernimmt die Variomatik diese Schaltvorgänge. Genau wie der Cross-Biker muss sie optimal schalten, damit der Roller immer schön im maximalen Leistungsbereich läuft.

Wenn du nun z.B. bei deinem Roller einen Sportauspuff (z.B. Stage6 Pro Replica, LeoVince TT, LeoVince ZX, Yasuni Z, Yasuni R, etc.) montierst ohne gleichzeitig die Rollen in der Vario entsprechend anzupassen, kann der Roller je nach Bauart der Sportauspuffanlage zunächst einmal langsamer in der Beschleunigung werden. Woran liegt das? Der Motor produziert doch nun mehr Spitzenleistung als vorher. Aber, diese Leistung wird erst in höheren Drehzahlbereichen als vorher abgerufen. Gleichzeitig ist das Leistungsband schmaler geworden. Mit dem Standard-Auspuff zog der Roller, sagen wir mal bei 6.600 U/Min so richtig los. Mit dem Sportauspuff ist der Roller jetzt eigentlich wesentlich stärker, aber bei einer Drehzahl von 6.600 U/Min kommt er nicht mehr aus dem Quark. Bei dieser Drehzahl wird mit dem Sportauspuff weniger Leistung produziert als vorher mit dem Standardauspuff.

Das folgende Leistungsdiagramm zeigt die Auswirkungen im Leistungsband von verschiedenen Sportauspuffanlagen auf einem ansonsten originalen 50 ccm Yamaha Aerox.

Sportauspuff Vergleichstest Leistungsdiagramm Sportauspuff-Vergleichstest auf Standard Aerox 50 ccm

Wenn wir in den Drehzahlbereich von 6.600 U/Min schauen, sehen wir, dass der Standard-Auspuff vom Aerox ca. 2,8 PS erzeugt. Der Sportauspuff Stage6 Pro Replica dagegen hat bei dieser Drehzahl weniger als 1 PS Leistung. Diese knapp 2 PS Unterschied bei 6.600 U/Min sind dafür verantwortlich, dass der Roller mit dem Standard-Auspuff bei dieser Drehzahl deutlich besser durchzieht als mit dem Stage6 Pro Replica Sportauspuff. Auf der anderen Seite zeigt das Diagramm aber auch, dass beispielsweise der Leovince ZX bei ca. 9.200 U/Min satte 7,5 PS produziert. Bei dieser Drehzahl bringt der Standard-Auspuff gerade einmal 2 PS. Für das Setup mit dem Leovince ZX sollte die Vario also auf ca. 9.200 U/Min eingestellt werden um in der Beschleunigungsphase immer die vollen 7,5 PS Leistung zur Verfügung zu haben.

Selbst ein Standard 50 ccm Roller ist im Vergleich zu hubraumstarken Auto 4Takt-Motoren schon relativ stark getunt. Ein Auto mit 1.0 Liter Hubraum und 50 PS entwickelt im Vergleich zu einem 50 ccm Roller mit 5 PS nur die Hälfte an Leistung pro Liter Hubraum. Aus diesem Grund haben selbst Standard-Roller schon ein vergleichsweise enges Leistungsband. Um die Drehzahl des Motors im Leistungsdrehzahlbereich zu halten, wird bei Rollern eine Variomatik eingesetzt. Die Idee dahinter ist folgende. Durch unterschiedliche Gewichte der Rollen kann die Variomatik genau passend auf den jeweiligen Leistungsdrehzahlbereich des Motor-Setups eingestellt werden. Das hat etwas mit Fliehkräften zu tun, was uns aber an dieser Stelle nicht weiter interessieren muss. Wichtig ist jedoch, dass man im Idealfall einer perfekt eingestellen Vario bei Vollgas immer die maximale Leistung zur Verfügung hat. Eine gute Variomatik hält die eingestellte Drehzahl konstant und das auch unabhängig von der Geschwindigkeit. Genauer gesagt, die Drehzahl wird so lange konstant gehalten, bis die Vario am Anschlag (größtmögliche Übersetzung) ist. Danach wird der Roller nur noch über steigende Drehzahlen schneller.

So, nun aber schnell zurück zum eigentlichen Thema ...
OK, wir alle wissen, dass leichtere Rollen den Roller beim Beschleunigen höher drehen lassen und schwerere Rollen die Drehzahl absenken. Ein gut funktionierender Variator hält die eingestellte Drehzahl in der Beschleunigungsphase des Rollers konstant. Die Einstellung dieser Drehzahl hängt vom Gewicht der Rollen in der Vario ab. Mit leichten Gewichten erfolgen die internen Schaltvorgänge in der Vario bei höheren Drehzahlen. Mit schweren Gewichten schaltet die Vario bei niedrigeren Drehzahlen. Wie aber beeinflußt diese Einstellung den Top-Speed? Unter normalen Umständen gar nicht! Die Gewichte der Rollen haben überhaupt keinen Effekt auf die Endgeschwindigkeit! Wie vorher schon mal erwähnt, der Variator hält die eingestellte Drehzahl so lange konstant, bis er an den Punkt der größten Übersetzung angekommen ist. Ab da kann er die Drehzahl nicht länger konstant halten. Ab dieser Geschwindigkeit ist es so, als ob der Roller einen festen Gang hätte. Er wird nur noch über steigende Drehzahlen schneller.

Das folgende Diagramm zeigt Leistungskurven eines 50 ccm Yamaha Aerox mit Polini Variomatik und einem Viper-Sportauspuff. Der einzige Unterschied in den Kurven sind verschiedene Gewichte der Rollen (3,5g blaue Linie, 5g rote Linie, 6,5g grüne Linie).

Variomatik abstimmen Leistungsdiagramm mit drei verschiedenen Rollengewichten in einem Aerox 50 ccm

Im Diagramm kann man auf einen Blick erkennen, wie krass die Leistungsunterschiede bei den jeweiligen Rollengewichten sind. Während bei den 5-Gramm Gewichten (rote Linie) in der Beschleunigungsphase fast durchgänging 6,8 PS Leistung anliegen, sind es bei den 6,5-Gramm Gewichten (grüne Linie) lediglich ca. 4,3 PS. Diese Differenz von ca. 2,5 PS macht einen gewaltigen Unterschied im Beschleunigungsverhalten des Rollers aus. Du siehst also, wie wichtig eine genau passenende Vario-Abstimmung ist.

Der Punkt A zeigt die Stellen, an denen der Variator beim jeweiligen Rollengewicht die größtmögliche Übersetzung erreicht hat und die Drehzahl ab da nicht länger konstant gehalten werden kann. Wenn dieser Punkt erreicht ist, wird der Roller nur noch über steigende Drehzahlen schneller. Der Punkt B im Diagramm zeigt die Stelle, bei der die Vario nun bei allen drei Gewichten am Anschlag ist. Ab Punkt B fährt der Roller bei allen drei Gewichten mit der gleichen Leistung, Drehzahl und der sich daraus ergebenden Endgeschwindigkeit. Bei den Testläufen auf dem Prüfstand lag der maximale Top-Speed bei ca. 95 Km/h bei allen drei Gewichten.

Wir sehen also, die Rollengewichte haben unter normalen Umständen keinen Einfluss auf den Top-Speed des Rollers! Unnormale Umstände liegen vor, wenn die Gewichte extrem zu leicht oder zu schwer sind. Dann kann es passieren, dass der Roller gar nicht bis in die maximale Übersetzung kommt und deshalb den Top-Speed nicht erreicht. Es wird jetzt auch klar, dass es nur ein perfekt passendes Rollengewicht für das jeweilige Motor-Setup gibt. Bei diesen Motor-Setup sind es ganz klar die 5-Gramm Gewichte (rote Linie). Sie halten die Drehzahl in der Beschleunigungsphase fast konstant im Bereich von ca. 8.400 U/Min. Und das ist genau die Drehzahl, bei dem dieses Setup die größte Motorleistung erreicht. Bei den leichteren 3,5 Gramm und den schwereren 6,5 Gramm Gewichten liegen die Drehzahlen nicht in diesem Bereich. Deshalb wird auch deutlich weniger Motorleistung in der Beschleunigungsphase erreicht.

Praktische Tipps zur richtigen Abstimmung der Variomatik

Zunächst einmal muss gesagt werden, dass die Standard-Varios vom Yamaha Aerox und anderen Rollermarken selbst schon für leicht bis mittelmäßig getunte Motoren nicht die die besten sind. Eine Investition in eine Sport-Vario von Polini, Malossi oder Stage6 lohnt sich auf jeden Fall. Diese Sport-Varios halten die Drehzahlen wesentlich konstanter als die Standard-Varios. Außerdem ermöglichen sie eine höhere Übersetzung im Vergleich zur Standard-Vario, was in den meisten Fällen zu deutlich mehr Top-Speed führt. 

Unser Tipp
In diesen Tuning-Shops kannst Du die genannten Sport-Varios vergleichsweise preisgünstig kaufen:   |  Roller.com |  4TakterShop |  ScooterKay |  Scooter-Center |  Amazon.de 


Leider haben nur die wenigsten von uns die Möglichkeit einen Leistungsprüfstand für die Abstimmung nutzen zu können. Dann ist ausprobieren angesagt. Beim Kauf einer Sport-Vario bekommt man meistens ein paar verschiedene Rollensätze mitgeliefert. Bei einem hochdrehenden Motor-Setup müssen tendenziell leichtere Gewichte eingesetzt werden um möglichst genau an die hohe Leistungsdrehzahl heranzukommen. Die Gewichte dürfen aber auch nicht zu leicht sein, denn dann würde der Motor viel zu hoch drehen und ebenfalls deutlich weniger Leistung abgeben. Etwas zu schwere Gewichte erkennst Du am ordentlichen Anfahren auf den ersten Metern, dann aber kurz darauf die Drehzahl abfällt und die Leistung deutlich weniger wird. Bei viel zu schweren Gewichten kommt der Roller überhaupt nicht aus dem Quark und zieht keinen Hering vom Teller.

Passende Rollen erkennst Du folgendermaßen. Der Roller fährt kräftig an und beschleunigt gut. Er hält dabei während der gesamten Beschleunigungsphase die Drehzahl relativ konstant. Erst kurz vor dem Erreichen des Top-Speeds steigt die Drehzahl dann nochmal an. Wenn Du diese Gewichte gefunden hast, solltest Du sicherheitshalber auch nochmal jeweils 0,5 Gramm leichtere und schwerere Gewichte ausprobieren. Ein halbes Gramm pro Rolle kann bei den Rollengewichten eine Menge Leistung ausmachen.

Mit ein wenig Übung läßt sich die Vario auch ohne Drehzahlmesser oder Leistungsprüfstand ganz gut abstimmen.

Auch die richtige Einkuppeldrehzahl der Kupplung gehört zur guten Abstimmung

Kommen wir nun zur Kupplung. Die Einkuppeldrehzahl der Kupplung ist ausschlaggebend für die Beschleunigung auf den ersten paar Metern. Kuppelt sie zu spät ein, wird der Motor viel zu hoch drehen und dadurch auch kaum Leistung abgeben. Wenn sie zu früh einkuppelt, hat der Motor ebenfalls auf den ersten Metern keine Leistung. Hat die Kupplung gegriffen, übernimmt allein die Vario die Steuerung der Übersetzung. Die ideale Einkuppeldrehzahl liegt ganz knapp vor bzw. genau im maximalen Leistungsdrehzahlbereich des Rollers. Einstellen kann man die meisten Roller-Kupplungen über unterschiedlich harte (starke) Federn in der Kupplung. Diese Ferdern sind mit den sogenannten Kupplungsbacken verbunden und werden auch kurz "Kullus" genannt. Je härter diese Federn sind, desto mehr Fliehkraft (gleichbedeutend mit Drehzahl) wird benötigt, damit die Kupplungsbacken mit der Kupplungsglocke eine Kopplung (Kraftschluß) eingehen. Über die Härte (Stärke) dieser Federn kannst Du also die Einkuppeldrehzahl deines Rollers bestimmen.

Eine weitere wichtige Feder in der Kupplung ist die Gegendruckfeder (GDF). Sie verhindert das Durchrutschen des Keilriemens, insbesondere bei den Schaltvorgängen in der Vario. Prinzipiell gilt, je höher die Leistung eines Setups ist, umso stärker sollte die Gegendruckfeder sein. Dadurch wird sichergestellt, dass die Vario sauber schaltet und der Keilriemen nicht durchrutschen kann.


Video zum Thema Roller Variomatik




Wenn Du Fragen zur Vario-Abstimmung hast, beantworte ich diese gerne im Forum.